Als die Google-Suche über die Karriere entschied
Tobias saß im Vorstellungsgespräch bei einem mittelständischen Maschinenbauunternehmen. Das Gespräch lief gut – bis die Personalerin fragte: "Was wissen Sie über uns?"
Tobias antwortete: "Sie sind ein Maschinenbauunternehmen mit Sitz in Süddeutschland. Sie haben eine lange Tradition und stellen... Maschinen her."
Die Personalerin lächelte höflich, aber kalt. "Das war alles?" Tobias spürte: Er hatte versagt. Die restlichen 20 Minuten waren Pflichtprogramm. Die Absage kam zwei Tage später. Begründung: "Kandidat wirkt nicht wirklich interessiert."
Seine ehemalige Kommilitonin Jasmin hatte ihr Interview beim selben Unternehmen sechs Wochen später. Auf die gleiche Frage antwortete sie: "Sie sind seit 1972 in der Metallverarbeitung tätig, spezialisiert auf Präzisionsteile für die Automobilindustrie und Luft- und Raumfahrt. Sie beschäftigen 280 Mitarbeiter an zwei Standorten und haben letztes Jahr Ihr 50-jähriges Jubiläum gefeiert. Besonders interessant fand ich Ihre kürzlich angekündigte Partnerschaft mit dem Fraunhofer-Institut für Leichtbau – zeigt, dass Innovation bei Ihnen großgeschrieben wird."
Die Personalerin strahlte. "Sie haben wirklich Ihre Hausaufgaben gemacht!" Das Gespräch entwickelte sich zum Dialog. Jasmin bekam die Zusage noch am selben Abend.
Der Unterschied: Drei Stunden Recherche. Jasmin investierte sie. Tobias nicht. Diese drei Stunden entschieden über Zusage oder Absage.
Warum Unternehmensrecherche der unterschätzte Game-Changer ist
Recherche ist kein Bonus – sie ist Pflicht
Viele Bewerber denken: "Meine Qualifikationen sind gut. Das reicht." Aber Personalverantwortliche sehen das anders.
Recruiterin Claudia erklärt: "Wir laden nur Kandidaten ein, die fachlich passen. Im Interview geht es um die Frage: Will diese Person wirklich hier arbeiten? Wer nicht recherchiert hat, signalisiert: Mir ist egal, wo ich arbeite. Ich brauche nur einen Job."
Das ist der Todesstoß für jede Bewerbung.
Was gute Recherche dir bringt
- Selbstbewusstsein: Du weißt, worüber du sprichst
- Intelligente Fragen: Du kannst spezifisch nachfragen
- Bessere Antworten: Du kannst Antworten auf die Firma zuschneiden
- Kulturverständnis: Du weißt, wie du dich verhalten solltest
- Echte Entscheidungsgrundlage: Du findest heraus, ob du hier wirklich arbeiten willst
Unternehmensrecherche ist keine lästige Pflicht – sie ist dein strategischer Vorteil. Während andere raten, weißt du Bescheid.
Die 5 Ebenen der Unternehmensrecherche
Ebene 1: Die Basics – Was jeder wissen muss
Das sind die absoluten Mindestinformationen. Wenn du diese nicht kennst, kannst du das Gespräch gleich absagen.
Was du wissen musst:
- Branche und Kerngeschäft: Was macht das Unternehmen genau?
- Produkte/Dienstleistungen: Was wird angeboten?
- Unternehmensgröße: Wie viele Mitarbeiter? Umsatz?
- Standorte: Wo sitzt das Unternehmen?
- Rechtsform: GmbH? AG? Start-up? Konzern?
- Gründungsjahr und Geschichte: Wie alt ist das Unternehmen?
Wo du es findest: Unternehmenswebsite (Über uns, Unternehmen, Geschichte)
Diese Infos zu kennen ist kein Pluspunkt – sie nicht zu kennen ist ein Ausschlusskriterium.
Ebene 2: Aktuelle Entwicklungen – Zeige, dass du up-to-date bist
Hier trennst du dich von 70% der Bewerber. Die meisten lesen die "Über uns"-Seite. Du gehst tiefer.
Was du recherchieren solltest:
- Neueste Pressemitteilungen (letzte 6-12 Monate)
- Produkt-Launches oder neue Dienstleistungen
- Expansionen, Übernahmen, Partnerschaften
- Auszeichnungen oder Zertifizierungen
- Krisenmeldungen oder Herausforderungen (Restrukturierung, Entlassungen)
Wo du es findest:
- Newsroom/Presse-Bereich der Website
- Google News Suche: "[Unternehmensname] News"
- Branchenmagazine und Fachpresse
- LinkedIn Company-Page (Posts und Updates)
Stefan fand in einer Pressemitteilung, dass das Unternehmen gerade eine neue KI-gestützte Software gelauncht hatte. Im Interview fragte er gezielt danach. Die Interviewerin war begeistert: "Endlich jemand, der sich informiert hat!"
Ebene 3: Kultur und Werte – Passt du wirklich hierher?
Fachliche Qualifikation ist wichtig. Cultural Fit ist oft wichtiger.
Was du herausfinden solltest:
- Unternehmenswerte (meist auf der Website, aber: Werden sie gelebt?)
- Führungsstil (hierarchisch oder flach?)
- Arbeitsweise (agil, klassisch, hybrid?)
- Work-Life-Balance (was sagen Mitarbeiter wirklich?)
- Diversität und Inklusion
- Nachhaltigkeits- und Sozialengagement
Wo du es findest:
- Karriereseite (oft ehrlicher als "Über uns")
- kununu, Glassdoor (Mitarbeiterbewertungen)
- LinkedIn: Schaue dir Profile aktueller Mitarbeiter an
- Social Media (Instagram, Facebook – wie präsentiert sich das Unternehmen?)
- YouTube (gibt es Unternehmensvideos, Team-Vorstellungen?)
Nina fand auf kununu mehrere Bewertungen, die die "familiäre Atmosphäre" lobten, aber auch "wenig Struktur" kritisierten. Im Interview fragte sie gezielt: "Wie strukturiert sind Prozesse hier?" Die ehrliche Antwort half ihr, eine informierte Entscheidung zu treffen.
Mitarbeiterbewertungen mit Vorsicht lesen: Unzufriedene Mitarbeiter schreiben eher Bewertungen als zufriedene. Suche nach Mustern, nicht nach Einzelmeinungen.
Ebene 4: Wettbewerb und Marktposition – Zeige strategisches Denken
Diese Ebene erreichen nur die Top 10% der Bewerber. Hier zeigst du, dass du nicht nur den Job willst – du verstehst die Branche.
Was du analysieren solltest:
- Hauptwettbewerber
- Marktposition (Marktführer? Herausforderer? Nische?)
- Unique Selling Proposition (USP) – Was macht das Unternehmen besonders?
- Branchentrends und Herausforderungen
- Zukunftsaussichten der Branche
Wo du es findest:
- Geschäftsberichte (bei börsennotierten Unternehmen)
- Marktanalysen und Branchenreports
- Fachmagazine und Blogs
- Vergleichsportale (z.B. Capterra für Software)
- LinkedIn: Folge Thought Leadern der Branche
David bewarb sich bei einem Fintech-Start-up. Er recherchierte nicht nur das Unternehmen, sondern die gesamte Fintech-Branche. Im Interview sagte er: "Ich sehe drei große Trends in Fintech aktuell: Embedded Finance, Open Banking und KI-gestützte Beratung. Wo positionieren Sie sich?" Der CEO war beeindruckt. David bekam die Zusage.
Ebene 5: Das Team und deine zukünftigen Kollegen – Der persönliche Touch
Die Meisterklasse der Recherche: Du findest heraus, mit wem du arbeiten würdest.
Was du herausfinden kannst:
- Wer ist dein potenzieller Vorgesetzter? (LinkedIn-Profil checken)
- Wie ist das Team zusammengesetzt?
- Gibt es Gemeinsamkeiten (gleiche Uni, ähnlicher Hintergrund)?
- Was bewegt die Führungskräfte? (LinkedIn-Posts, Artikel, Interviews)
Wo du es findest:
- LinkedIn (suche nach "[Unternehmensname] + [Abteilung]")
- Xing (besonders in Deutschland relevant)
- Unternehmens-Newsletter oder Blogs (wer schreibt Artikel?)
- Konferenz-Speaker oder Podcast-Gäste
Sophie fand heraus, dass ihre potenzielle Vorgesetzte kürzlich einen Artikel über agile Projektmethoden veröffentlicht hatte. Im Interview erwähnte sie das: "Ich habe Ihren Artikel über Scrum gelesen – fand ich sehr inspirierend. Arbeitet Ihr Team nach diesen Prinzipien?" Die Vorgesetzte war begeistert. Die gemeinsame Basis war sofort da.
Vorsicht: Die Grenze zwischen Recherche und Stalking
Recherchiere professionelle Infos – keine privaten. LinkedIn-Profile: ja. Instagram-Urlaubsfotos: nein. Halte die Grenze klar.
Bereite dich optimal vor: Übe typische Fragen im Vorstellungsgespräch mit unserem KI-Trainer. Du erhältst personalisiertes Feedback und verbesserst deine Antworten Schritt für Schritt.
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Jetzt kostenlos übenHinweis: Die in diesem Artikel verwendeten Namen und Beispiele sind fiktiv und dienen der Veranschaulichung.
Häufig gestellte Fragen
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