Körpersprache entscheidet kein Vorstellungsgespräch. Sie entscheidet aber, ob deine Antworten so ankommen, wie du sie meinst. Wer gute Inhalte mit hängenden Schultern und wanderndem Blick vorträgt, muss inhaltlich deutlich besser sein, um denselben Eindruck zu hinterlassen.
Die gute Nachricht: Es geht um eine Handvoll Dinge, die sich in einer Woche üben lassen. Hier zuerst die Kurzfassung, danach die Erklärung dazu.
Die Kurzfassung in acht Punkten
Anklopfen, warten, eintreten. Nicht in der Tür stehen bleiben.
Erst Blickkontakt, dann Hand. Wer zuerst die Hand ausstreckt und dabei auf den Boden schaut, wirkt unsicher.
Warten, bis dir ein Platz angeboten wird, und dann ganz hinsetzen, nicht auf die Stuhlkante.
Beide Hände über der Tischkante und sichtbar. Hände im Schoß lesen viele als Distanz.
Blickkontakt beim Sprechen halten, beim Nachdenken wegschauen ist erlaubt.
Gestikuliere im Rahmen deiner Schultern. Das reicht und wirkt ruhig.
Lächeln bei Begrüßung und Verabschiedung, nicht durchgehend.
Am Ende aufstehen, bedanken, Blickkontakt. Der letzte Eindruck bleibt fast so stark hängen wie der erste.
Was Körpersprache wirklich entscheidet, und was nicht
Über kaum ein Thema kursieren so viele falsche Zahlen. Der Klassiker ist die Regel, Kommunikation bestehe zu 7 Prozent aus Worten, zu 38 Prozent aus Stimme und zu 55 Prozent aus Körpersprache. Diese Zahlen stammen aus Versuchen von Albert Mehrabian und gelten nur für einen engen Fall: wenn jemand über Gefühle spricht und Wort und Auftreten sich widersprechen. Für die Frage, ob du die Stelle fachlich ausfüllen kannst, sagen sie nichts.
Belegt ist dagegen, dass erste Eindrücke sehr schnell entstehen. In einer Untersuchung von Willis und Todorov genügten Testpersonen rund 100 Millisekunden Blick auf ein Gesicht, um sich ein Urteil über Vertrauenswürdigkeit und Kompetenz zu bilden. Mehr Zeit änderte das Urteil kaum, sie machte die Testpersonen nur sicherer.
Daraus folgt nicht, dass die ersten Sekunden alles entscheiden. Ein Gespräch dauert vierzig Minuten, und ein erster Eindruck lässt sich korrigieren. Es folgt aber, dass du die ersten Sekunden nicht dem Zufall überlassen solltest, denn danach arbeitest du entweder mit oder gegen den Eindruck.
Die Begrüßung
Die Choreografie ist immer dieselbe und lässt sich vorher durchgehen:
Anklopfen, Antwort abwarten, eintreten, Tür hinter dir schließen.
Aufrecht auf die Person zugehen, die auf dich zukommt. Nicht an der Tür stehen bleiben.
Blickkontakt aufnehmen, dann grüßen: „Guten Tag, mein Name ist [Name]. Vielen Dank für die Einladung."
Hand geben, wenn eine angeboten wird. Fest, aber nicht als Kraftprobe, ein bis zwei Sekunden.
Warten, bis dir ein Platz angeboten wird.
Zum Händedruck: Ob überhaupt eine Hand gegeben wird, ist je nach Betrieb unterschiedlich geworden. Warte einen Moment ab, was dein Gegenüber tut, und zieh die eigene Hand nicht demonstrativ zurück, wenn keine kommt. Eine kurze Verbeugung des Kopfes mit Blickkontakt funktioniert genauso gut.
Sitzen
Die brauchbarste Sitzhaltung ist unspektakulär: ganz auf der Sitzfläche, Rücken locker am Stuhl, Füße nebeneinander auf dem Boden, Oberkörper leicht nach vorn geneigt. Die leichte Neigung ist der eigentliche Trick, sie liest sich als Interesse.
Was dagegen arbeitet:
Auf der Stuhlkante sitzen. Sieht aus, als wolltest du gleich wieder gehen.
Zurückgelehnt mit verschränkten Armen. Wirkt abwartend bis abweisend, auch wenn du dich nur bequem hinsetzt.
Beine übereinanderschlagen und dabei wippen. Der Fuß verrät die Anspannung, die das Gesicht versteckt.
Ständig die Position wechseln. Einmal einrichten und dann sitzen bleiben.
Wenn der Stuhl zu tief ist oder der Tisch zu hoch, darfst du das richten, bevor das Gespräch beginnt. Das wirkt souveräner, als vierzig Minuten schief zu sitzen.
Blickkontakt
Die verbreitetste Fehlvorstellung ist, man müsse durchgehend in die Augen schauen. Das ist unangenehm für beide Seiten. Was tatsächlich funktioniert:
Beim Sprechen hältst du den Blick überwiegend bei der Person, die dich gefragt hat.
Beim Nachdenken darfst du wegschauen. Das ist normal und signalisiert, dass du wirklich überlegst statt abzuspulen.
Beim Zuhören schaust du zur sprechenden Person, mit gelegentlichem Nicken.
Bei mehreren Gesprächspartnern antwortest du zur fragenden Person und beziehst die anderen ein oder zwei Mal pro Antwort mit ein.
Wenn dir direkter Blickkontakt schwerfällt, sei es aus Nervosität, aus kulturellen Gründen oder weil du es generell als anstrengend empfindest: Schau auf die Nasenwurzel oder zwischen die Augenbrauen. Das ist von außen nicht zu unterscheiden und deutlich leichter durchzuhalten.
Hände und Gestik
Hände sind das Erste, was unter Anspannung auffällt, und zwar in zwei Richtungen. Die eine ist Erstarrung: Hände unter dem Tisch, gefaltet, festgeklammert am Stift. Die andere ist Hektik: dauerndes Fuchteln, das vom Gesagten ablenkt.
Der brauchbare Bereich liegt dazwischen und lässt sich leicht merken: Gestikuliere im Rahmen deiner Schultern, ungefähr zwischen Tischkante und Brusthöhe. Wenn die Hände dabei aus dem Sichtfeld verschwinden, war die Bewegung zu groß.
Gegen Zappeln hilft ein Anker. Leg die Hände locker auf den Tisch oder halte ein geschlossenes Notizbuch. Nicht geeignet sind Kugelschreiber mit Druckknopf, Wasserflaschen mit Schraubverschluss und Ringe, die sich drehen lassen.
Gesicht und Stimme
Ein Lächeln gehört an den Anfang und ans Ende, nicht in jede Minute. Durchgehendes Lächeln wirkt bei ernsten Themen unpassend, etwa wenn du erklärst, warum du deine letzte Stelle verlassen hast.
Achte an dieser Stelle besonders auf dein Gesicht: Beim Thema Jobwechsel verraten viele mehr mit Augenrollen oder einem kurzen Verziehen des Mundes, als sie sagen wollten. Wenn du dir den Satz vorher zurechtlegst, gerät das Gesicht seltener außer Kontrolle.
Zur Stimme: Die meisten sprechen unter Anspannung schneller und höher als sonst. Zwei Gegenmittel, beide unauffällig:
Setz Punkte. Kurze Sätze zwingen zum Atmen, und Atmen senkt die Stimme.
Mach vor der Antwort eine Sekunde Pause. Das wirkt überlegt und verschafft dir Zeit.
Wenn du nervös bist
Nervosität ist bei Körpersprache die häufigste Ursache, nicht die schlechte Angewohnheit. Wer ruhiger ist, sitzt automatisch ruhiger. Zwei Dinge, die kurz vorher funktionieren:
Länger ausatmen als einatmen. Vier Sekunden ein, sechs bis acht Sekunden aus, drei Durchgänge. Das lässt sich im Wartebereich unauffällig machen.
Anspannen und loslassen. Fäuste, Schultern und Oberschenkel je fünf Sekunden fest anspannen, dann bewusst locker lassen.
Zum oft empfohlenen Power Posing, also der breiten Haltung vor dem Spiegel: Die Studienlage dazu ist uneinheitlich. Die behaupteten hormonellen Effekte ließen sich in späteren Untersuchungen nicht bestätigen. Dass manche sich danach sicherer fühlen, ist möglich. Verlass dich nicht darauf, und mach es keinesfalls im Wartebereich. Mehr dazu, was gegen die Anspannung selbst hilft, steht im Artikel über Nervosität.
Wenn du aus einer anderen Gesprächskultur kommst
Körpersprache ist nicht überall gleich. Was in Deutschland als aufmerksam gilt, kann anderswo aufdringlich wirken, und umgekehrt. Wer hier zum ersten Mal in ein Vorstellungsgespräch geht, stolpert meist über dieselben drei Punkte:
Blickkontakt gilt hier als Zeichen von Respekt, nicht von Aufdringlichkeit. In manchen Kulturen ist es höflich, den Blick gegenüber Älteren oder Vorgesetzten zu senken. In einem deutschen Bewerbungsgespräch wird das leicht als Unsicherheit gelesen. Wenn dir das schwerfällt, nutze den Trick mit der Nasenwurzel.
Der Abstand ist größer als in vielen Ländern. Eine knappe Armlänge gilt als normal. Näher heranzurücken wird oft als übergriffig empfunden, auch wenn es freundlich gemeint ist.
Eine sachliche Miene ist keine Ablehnung. Deutsche Gesprächspartner lächeln im beruflichen Kontext oft wenig. Das heißt nicht, dass das Gespräch schlecht läuft.
Umgekehrt gilt: Niemand erwartet, dass du deine Herkunft ablegst. Es geht nur darum, die drei Punkte zu kennen, damit aus einem Missverständnis kein Urteil über dich wird.
Im Videogespräch gelten andere Regeln
Am Bildschirm kommt Körpersprache flacher an, und zwei Dinge funktionieren anders als im Raum:
Blickkontakt entsteht an der Kamera, nicht am Bild. Schau beim Sprechen in die Linse, beim Zuhören darfst du auf den Bildschirm sehen. Ein kleiner Aufkleber neben der Kamera hilft beim Umgewöhnen.
Kamera auf Augenhöhe. Von unten wirkt niemand vorteilhaft, von oben wirkt es unterwürfig. Laptop auf Bücher stellen reicht.
Etwa eine Armlänge Abstand, Kopf und Oberkörper im Bild, etwas Luft über dem Kopf.
Hände ins Bild. Wer unterhalb des Bildausschnitts gestikuliert, wirkt seltsam still.
Etwas deutlicher als sonst. Ein angedeutetes Lächeln kommt am Bildschirm als keines an, ein kleines Nicken als keines.
Im Ausbildungsgespräch
Bei Bewerbungen um einen Ausbildungsplatz läuft manches anders. Häufig sitzen zwei Personen dir gegenüber, eine aus der Personalabteilung und eine aus der Werkstatt oder Abteilung, in der du arbeiten würdest. Beziehe beide mit dem Blick ein, auch wenn nur eine fragt. Die Person aus der Praxis hat oft mehr Gewicht bei der Entscheidung, als die Sitzordnung vermuten lässt.
Oft folgt ein Rundgang durch den Betrieb. Der zählt mit, auch wenn er locker wirkt. Vier Dinge:
Handy bleibt in der Tasche, auch wenn es vibriert.
Nicht die Hände in den Hosentaschen lassen.
Bei Lärm und Maschinen: hinschauen, nachfragen, nicht abwesend nicken.
Kolleginnen und Kollegen, an denen ihr vorbeikommt, kurz grüßen.
Der Abgang
Viele lassen am Ende nach, weil die Anspannung abfällt. Dabei bleibt der letzte Eindruck fast so gut haften wie der erste. Steh auf, ohne zu hetzen, bedanke dich mit Blickkontakt und geh aufrecht zur Tür.
"Vielen Dank für das Gespräch. Ich fand besonders interessant, wie die Einarbeitung bei Ihnen aufgebaut ist."
Ein Satz mit einem konkreten Bezug ist besser als drei höfliche Floskeln, weil er zeigt, dass du zugehört hast.
Drei Übungen, die etwas bringen
Handyvideo. Beantworte zwei typische Fragen und filme dich dabei. Du musst dir das nicht oft ansehen, einmal reicht meist, um die eigene Angewohnheit zu erkennen.
Türübung. Begrüßung fünfmal durchspielen: anklopfen, eintreten, zugehen, grüßen, setzen. Klingt albern, nimmt aber genau der Stelle den Schrecken, an der die meisten unsicher sind.
Fremdes Feedback. Lass jemanden zusehen und nach einer Sache fragen, nicht nach allen: „Wirke ich ruhig?" Zu viele Hinweise auf einmal helfen nicht.
Zum Üben der Antworten selbst findest du typische Fragen in unserer Fragenbibliothek.
Fazit
Körpersprache ist kein Trick und kein Ersatz für Vorbereitung. Sie ist die Verpackung, und eine schlechte Verpackung kostet dich Aufmerksamkeit, die deine Antworten bräuchten. Wenn du nur drei Dinge mitnimmst: aufrecht und ganz hinsetzen, Hände sichtbar, beim Sprechen Blickkontakt. Der Rest ergibt sich, sobald die Nervosität nachlässt.
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